„Ihr wollt eure ewig und immer gleichen Präsentationen aufpeppen? Ihr wollt, dass eure Zuhörer an euren Lippen hängen und nach einer Zugabe verlangen? Dann gibt es für euch die perfekte Lösung aus einer Kombination von Technologie, Entertainment und Design, kurz TED.“

Autor: Julian Müller

„Warum sind TED-Talks maximal 18 Minuten lang?“ Mit dieser Frage startet Speaker-Coach Christopher Kabakis am Abend des 07. September 2017 im vollbesetzten Master-Crossmedia-Studio der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart seinen kurzweiligen Vortrag „Talk like TED“. Gastgeber ist Professor Harald Eichsteller, Studiendekan der Masterstudiengänge Medienmanagement und Unternehmenskommunikation. „Der Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer zuliebe“, versucht sich jemand aus dem Publikum. „Dann hätten es aber doch 15 oder 20 Minuten auch getan“, erwidert Kabakis. So viel sei an dieser Stelle schon verraten: Es handelt sich dabei um einen psychologischen Trick, damit Redner ihr Zeitkonto nicht sprengen.

Christopher Kabakis, WHU-Absolvent 2005   |    Matthias Kelch und Harald Eichsteller, WHU 1988/1989

Kabakis hat wie Eichsteller an der WHU studiert und ist ein langjähriger Speaker Coach für die Sprecher der großen deutschen TEDx-Konferenzen in Berlin, Hamburg, München und Frankfurt. In seinem zweieinhalbstündigen interaktiven Vortrag gab Kabakis seinem Publikum konkrete Tipps, mit deren Hilfe auch ihr künftig eure Präsentationen im beeindruckenden Stil von TED-Talks halten könnt, die auf YouTube millionenfach gesehen werden.

#1 Tüftelt eine Basisidee aus

Doch was macht TED-Talks eigentlich so besonders? Um diese grundsätzliche Frage zu beantworten, holt Kabakis ein wenig aus. Richard Saul Wurman, ein Architekt aus den USA, konnte banale Business-Konferenzen einfach nicht mehr ausstehen und beschloss deshalb 1984, unterhaltsame und gleichzeitig gehaltvolle Konferenzen zu veranstalten. Das Motto der ersten Hauptkonferenz lautete: Ideas worth spreading. Und dieses Motto, so Kabakis, sei eine zentrale Besonderheit, die TED-Talks so einzigartig machen würde.

„Sie müssen eine Idee finden, die es wert ist, verbreitet zu werden“, so der Speaker Coach. Leicht gesagt, doch was zeichnet eine Idee aus, die so gehaltvoll ist, dass sie vor einer breiten Masse zum Besten gegeben werden kann?  Dazu zeigt Kabakis den TED-Talk „The paradox of choice“ von Psychologe Barry Schwartz aus dem Jahr 2007 (https://www.ted.com/talks/barry_schwartz_on_the_paradox_of_choice).

Schwartzs Talk-Idee auf den Punkt gebracht lautet: “Choice has made us not freer but more paralyzed, not happier but more dissatisfied.” Mit diesem veranschaulichenden Beispiel empfiehlt Kabakis, dass eine gute Idee im ganzen Satz aus maximal 15 Wörtern bestehen sollte. Zusätzlich sollte sie für das Publikum relevant und weitestgehend unbekannt sein. Hat sie dann noch das Potenzial, das Publikum zu überraschen, taugt diese Idee als solide Basis für einen inspirierenden Talk. Vor allem in Sachen Relevanz hatte Schwartz damals in seinem Talk überzeugt. Die neuen Möglichkeiten, die sich schon vor zehn Jahren im Zuge der Digitalisierung in allen Lebensbereichen potenziert hatten, konnten mit Sicherheit ähnlich wie heute überfordernd wirken.

 

#2 Bleibt unter 18 Minuten Redezeit

Eine reiflich überlegte Idee als ausgeklügelte Basis für einen mitreißenden Auftritt ist aber nicht die einzige Besonderheit der populären Talks. Offizielle TED-Talks dürfen maximal 18 Minuten lang sein. Dahinter verbirgt sich eine psychologische Raffinesse. Würde Speakern ein Zeitraum von 20 Minuten gegeben, stellte sich bei diesen erfahrungsgemäß oft die Haltung ein, dass fünf weitere Minuten nicht tragisch seien. Im Nu wären sie bei 25 oder 27 Minuten – das ist entschieden zu lange und anderen Speakern unfair gegenüber.

18 Minuten auf dem Zeitkonto aber erscheinen so ungewöhnlich, dass sich Redner dieses Limit unweigerlich vor Augen halten; denn schon nach nur zwei Minuten Überziehen ist die psychologische Grenze von 20 Minuten geknackt und die 2 vor der Zeitangabe baut einen so unangenehmen Druck auf, dass der Speaker zügig zum Ende kommt.

#3 Belehrt euer Publikum nicht

Mittlerweile solltet ihr verinnerlicht haben, worauf es bei der Formulierung einer guten Idee ankommt. Lasst euch im nächsten Schritt aber nicht von Marketing-Ass Rory Sutherland irritieren. Sutherland sprudelt in seinem Talk von 2009 (https://www.ted.com/talks/rory_sutherland_life_lessons_from_an_ad_man) nur so vor Ideen und Beispielen, so dass es schwierig ist, den Kern seiner Botschaft herauszufiltern. Doch obwohl es nicht gerade leicht ist, ihm zu folgen, führt Kabakis ihn als gutes Beispiel für einen TED-Talk an. An Sutherland wird deutlich, welche Besonderheiten TED-Talks sonst noch auszeichnen: eine persönliche Note und ein Auftritt auf Augenhöhe.

In seiner unnachahmlich quirligen Art startet Sutherland gleich mit einem Witz auf eigene Kosten – und das Publikum liebt es. Weil er diesen leicht flapsigen Tenor durchgehend beibehält, ist er in der Lage, seine Botschaften bei den Zuschauern zu platzieren. Kabakis erklärt: „Sutherland bleibt bei sich. Er sagt: ‚Ich hab‘ was gelernt, das will ich euch zeigen. Vielleicht könnt ihr damit was anfangen‘“. So gibt sich Sutherland seinem Publikum ebenbürtig gegenüber und wirkt dadurch wesentlich sympathischer, als würde er belehrend von oben herab sprechen.

#4 Nutzt Objekte auf der Bühne

Oder ihr macht es wie Jill Bolte Taylor und nutzt einen greifbaren Gegenstand, um die Aufmerksamkeit eures Publikums auf euch zu ziehen. Taylor, eine amerikanische Neuroanatomin, hatte 1996 einen Schlaganfall erlitten und brauchte acht Jahre, bis sie wieder in der Öffentlichkeit auftreten konnte. Ihr TED-Talk „My stroke of insight“ von 2008 (https://www.ted.com/talks/jill_bolte_taylor_s_powerful_stroke_of_insight) wurde nicht nur wegen ihrer faszinierenden Geschichte weltweit bekannt. Es ist auch das menschliche Gehirn, das Taylor auf der Bühne präsentiert, um ihre wissenschaftlichen Erklärungen eindrucksvoll zu verdeutlichen.

Ähnlich funktioniert der Talk von Feuerwehrmann Mark Bezos von 2011. In „A life lesson from a volunteer firefighter“ erzählt Bezos nachvollziehbar, wie er der große Held nach einem Brand sein wollte, ihm aber ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Währenddessen steht er in voller Ausrüstung mit Helm sowie Feuerschutzjacke und -hose auf der Bühne (https://www.ted.com/talks/mark_bezos_a_life_lesson_from_a_volunteer_firefighter).

 

#5 Konstruiert eine packende Storyline

Nachdem Kabakis einige Besonderheiten veranschaulicht hat, fragt sich das Publikum an der HdM in Stuttgart nun, wie es eine spannende Geschichte konstruieren könnte. Also stellt der Speaker-Coach das Schema einer spannenden Storyline vor, das sich auch bei berühmten Rednern wie Barack Obama größter Beliebtheit erfreut: die sogenannte Sparkline von Nancy Duarte, einer renommierten amerikanischen Schriftstellerin und Rednerin.

Diese Technik zeichnet sich durch einen ständigen Wechsel der Erzählperspektive aus – zwischen dem, was jetzt ist und dem, was sein könnte. Durch diese Gegenüberstellung von Status Quo und Zielbild entsteht ein starker Kontrast, „durch den man sehr gut auf Widerstände und Einwände eingehen kann“, erklärt Kabakis. Ein Beispiel liefert Elon Musk, Co-Founder und CEO der Tesla Inc.

Musk verwendete Duartes Sparkline bei der Vorstellung der Powerwall im Jahr 2015 (https://www.youtube.com/watch?v=IqsaMZq2VEQ). Durch bedrohlich anmutende Bilder stark rauchender Industrieschlote, überdeckt von tiefschwarzen Abgaswolken, präsentiert Musk den aktuell unhaltbaren Zustand von Luftverschmutzung. Als Gegenpol zu diesem schmutzigen Szenario präsentiert der Tesla-CEO die Sonne, als im wahrsten Sinne des Wortes strahlenden Helden, der die Menschheit in schwachen Momenten von 100 Prozent erneuerbarer Energie träumen lässt.

Doch auf dem Weg zur Erfüllung dieses Traumes gibt es drei große Hürden zu bezwingen, so Musk: erstens scheint nachts keine Sonne, zweitens sind Batterien, mit deren Hilfe Energie gespeichert werden kann, ineffizient, hässlich und teuer (O-Ton Elon Musk: “They suck!“) und drittens herrscht großer Widerstand in den Köpfen der Menschen, die glauben, auf der Erde gäbe es nicht genug Platz für notwendige technologische Vorkehrungen, um an 100 Prozent erneuerbare Energien heranzukommen.

In dieser scheinbar aussichtslosen Lage stellt Musk seine Powerwall wie einen ersehnten Heilbringer vor. Das funktioniert auch deswegen, weil das Publikum ganz genau weiß, wen es vor sich hat: einen brillanten, weltweit agierenden Unternehmer, der mit PayPal das Onlinebezahlsystem, mit SpaceX die Raumfahrt und mit Tesla die Mobilindustrie revolutioniert hat. „Elon Musk hat schon viel erreicht, deswegen glauben ihm die Leute.“, erklärt Kabakis. Warum sollte das bei der Powerwall also nicht klappen?

Kabakis räumt allerdings ein: „Musk ist kein glattgeschliffener Redner, aber hier sieht man ganz deutlich: Substanz schlägt Stil.“ Nicht jeder könne ein Top-Speaker werden, aber mit einer packenden Storyline trotzdem beeindrucken. „In der Rhetorik zählt eben auch eine gute Geschichte als Beweis“, so Kabakis weiter.

 

#6 Feilt am „Wie“ eures Talks

Im dritten und letzten Teil des Vortrags zündet Kabakis mit dem TED-Talk des Italieners Ernesto Sirolli, einem Experten im Bereich lokaler Wirtschaftsentwicklung, ein Entertainment-Feuerwerk, das dem Publikum mustergültig zeigt, auf welche Art und Weise Storys gut erzählt werden können (https://www.ted.com/talks/ernesto_sirolli_want_to_help_someone_shut_up_and_listen).

In „Want to help someone? Shut up and listen!” von 2012 berichtet Sirolli, ganz dem italienischen Klischee entsprechend, gestenreich und aufbrausend davon, wie er als junger Mann in Afrika jedes einzelne Projekt in den Sand setzte. Er hatte noch nicht gelernt, zuzuhören und die verborgenen Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu erfassen. Rhetorisch schöpft Sirolli dabei aus dem Vollen. Der Italiener erzählt selbstironisch und kritisch, immer mit einer gesunden Prise Humor.

„Und achten Sie darauf, wie Sirolli seine Geschichte erzählt“, lenkt Kabakis den Fokus auf Sirollis Erzählstil. „Er erzählt alles in der direkten Rede: ‚Why didn’t you tell us?‘ ‚You’ve never asked‘. Er spielt die Gespräche fast nach und stellt dadurch auf der Bühne Dialoge her“, so Kabakis weiter. Dadurch, dass Sirolli im Präsens erzählt, entstehe für den Zuschauer der Eindruck, all das liege nicht viele Jahre zurück, sondern passiere jetzt gerade live. Das lädt zum Mitfiebern ein.

Sirollis wilde Gestik und bildliche Sprache erzeugen zudem Bilder, die sich beim Publikum einprägen: „Alles, was wir angefasst haben, ist gestorben“, zitiert der Sprech-Coach den Italiener. Und dadurch, dass Sirolli vom Scheitern spricht und nicht nur seine Erfolge darstellt, wirkt er authentisch und nahbar. Es entsteht eine knisternde Spannung im Saal. Das Publikum fragt sich: Wie kann das alles bloß gut ausgehen?

 

#7 Üben üben üben!

Der Abend im Master-Crossmedia-Studio der HdM hätte noch so viel länger gehen können – aber leider war nach zweieinhalb Stunden Schluss. Doch das Publikum hat bekommen, worauf es gehofft hatte: einen unterhaltsamen Einblick in die Kunst von TED-Talks und viele hilfreiche Tipps, die sich mit etwas Übung gut in der Praxis anwenden lassen. Auch wenn der Inhalt einer Präsentation oder Rede wichtiger ist als der Stil, werden sich die Besucher des Abends ab sofort sicherlich mehr Zeit nehmen, um am Stil zu feilen.

Das besondere an Kabakis Einblicken in die magisch anmutende Welt der TED-Talks ist, dass es sich nicht um Hexenwerk handelt. Die Zutaten des vermeintlichen Geheimrezeptes sind klar: Formuliert eine gewinnbringende Idee, die eure Geschichten und Inhalte trägt. Denkt euch eine gute Storyline aus, die Spannung erzeugt. Und reißt die Leute durch einen Präsentationsstil mit, der authentisch wirkt.

Dass sich hinter einem guten Talk in der Praxis noch mehr verbirgt, muss an dieser Stelle angesichts des Coaching-Marktes und auch der Vielzahl schlechter Reden, die jeder von uns schon einmal erleiden musste, nicht ausgeführt werden. Offensichtlich ist es nicht ausreichend, Ratschlägen zu lauschen und TED-Talks im Internet zu gucken. Einen guten Talk zu halten ist wie Fahrradfahren: Vom Zuschauen lernt man’s nicht. Man muss es selbst einige Male ausprobieren und üben. Also worauf wartet ihr noch?

Weitere TED-Talks und Tipps findet ihr hier: https://www.ted.com/

Ein zusammenfassendes Video mit Einblicken in das Coaching gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=FGJpcn5lLX0&feature=youtu.be