Es sind weniger als drei Wochen, bis Großbritannien über den Verbleib in der EU abstimmt. Und noch immer gibt es kein eindeutiges Stimmungsbild. Die Gegner und Befürworter eines möglichen Brexit liefern sich ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen. Die negativen Schlagzeilen aus London werfen kein gutes Licht auf die euroskeptischen Briten. Dabei lohnt es sich, den Blick zu weiten und zu schauen, was nördlich von London passiert. Die europhilen Schotten um die erst kürzlich wiedergewählte Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon haben eine ganz andere Sicht auf den Brexit und könnten das Ruder noch einmal rumreißen. HdM-Studentin Anke Kahle ist im Rahmen ihrer Masterarbeit während der schottischen Parlamentswahl nach Edinburgh gereist und hat mit schottischen Journalisten über Europa, Identität und das Vereinigte Königreich gesprochen.

Anke Kahle während ihrer Recherchereise in Schottland.

Anke Kahle während ihrer Recherchereise in Schottland.

Gelb ist die Farbe, die in Schottland weiterhin die politische Landschaft dominiert. Es ist die Farbe der Schottischen Nationalpartei, SNP um Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon. Eine sozial-demokratisch ausgerichtete Partei, die die Interessen der Schotten vertritt und sich bewusst von rechts-populistischen Nationalparteien abgrenzt, erklärt Verlagsleiter Callum Biard von der schottischen Zeitung The National:

“I guess the kind of nationalism that was invigorated during the independence referendum, was a kind of civic nationalism and there was no kind of right-wing element to it. It was a kind of a country that people wanted to make their own decisions. You know, but it was very inclusionist, there wasn’t any kind of anti-foreigners, we need to do this and we need to keep people out. It was very like come on, we’re all having a big debate here, we’re all living in this country, let’s decide to ourselves. So there wasn’t that right-wing element to it, there never really has been in Scotland.”

Die Nationalzeitung The National hat sich im Zuge des Unabhängigkeitsreferendums vor zwei Jahren gegründet und ist die einzige Tageszeitung in Schottland, die offiziell ein unabhängiges Schottland unterstützt. Mit rund 12.000 Auflagen täglich hat sie traditionelle Tageszeitungen wie The Scotsman längst abgelöst. Das ausgeprägte Nationalbewusstsein der Schotten kommt nicht von ungefähr. Schon lange fühlen sie sich nicht mehr als Teil eines Vereinigten Königreichs unter der konservativen Führung David Camerons, sagt Zeitungs-Kolumnistin Lesley Riddoch:

“The more England has become a little England of right-wing market driven isolationist sort of society in its politics, the more we have by default tried to contrast our society by exactly the opposite on most things.”

Gleiches gilt für das EU-Referendum. Während Euro-Gegner wie Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, Chef der eurokritischen Unabhängigkeitspartei UKIP große Anti-Parolen schlagen, werden laut aktuellen Umfragen rund 60 Prozent der Schotten für einen Verbleib in der EU stimmen – aus einem ganz bestimmten Grund sagt Zeitungsjournalist Iain McWhirter:

“In Scotland they say we are no racists, we are not controversial immigration. We don’t like UKIP, we don’t like Nigel Farage, we don’t like that kind of politics, we’re different, we like being European, we like being internationalists, because even in Scotland, a lot of Scots want to be independent. We still regard ourselves as internationalists and not that kind of exclusive sense of independence in Scotland there is kind of, the SNP doesn’t have any kind of racial or ethnic criteria for Scottish identity. In fact, as far as the Scottish government is concerned, we don’t have any ethnic or racial plan at all. In fact, the Scots like to say we’re all internationalists, we’re not like narrow-minded English nationalists. This is Scotland so we vote for Europe.“

Das Schottische Parlament von innen.

Das Schottische Parlament von innen.

Mit der Einführung eines eigenständigen schottischen Parlaments 1999 wurde die erste Weiche zur rechtsstaatlichen Unabhängigkeit gestellt, seit der Niederlage im Unabhängigkeitsreferendum vor zwei Jahren konnte die SNP ihre Mitgliederzahl verfünffachen. Nicht zuletzt ist der Erfolg der SNP ihrer charismatischen Vorsitzenden Nicola Sturgeon zu verdanken, die in Schottland wie ein Popstar gefeiert wird. Das Thema Unabhängigkeit ist noch lange nicht vom Tisch, der Esprit ist geblieben und ein möglicher Brexit, könnte Großbritannien weiter spalten:

„An English vote to come out and a Scottish vote for stay would cause another independence referendum and recent polls suggest that actually the English electorate are more worried about Scotland breaking away because of this than Brexit.”

 

Das Media Center in der Schottischen Wahlnacht.

Das Media Center in der Schottischen Wahlnacht.

Auszählung im Edinburgh Count.

Auszählung im Edinburgh Count.

Auszählung im Edinburgh Count.

Text und Bilder: Anke Kahle