Exkursion in eine andere Welt – Ngaben Ceremony

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Was vielleicht immer anders erscheint, aber dennoch Tatsache ist: Ich studiere hier. Und neben den ganz normalen Dingen, die man so für die Uni zu tun hat, von Assignments über Case Studies, Hausarbeiten und am Ende die guten alten Klausuren, gibt es für uns deutsche Studenten hier an der Udayana Universität eine kleine Besonderheit: Jeden Donnerstag stehen Exkursionen an. Das können Tempel, Unternehmen oder der Urwald sein, die man dann besucht. Diese Woche haben wir jedoch eine kleine Reise in eine ganz andere Welt gemacht: Wir waren auf einer Beerdigungszeremonie. Und ich kann vorweg sagen: Vielleicht kann sich der deutsche Trauerkloß vom Umgang mit dem Tod hier, bzw. im Hinduismus, etwas abschneiden!

Mehr als interessant – für fast jeden von uns

Religion versetzt bekanntlich Berge. Und ich werde mich hüten, darüber zu urteilen oder dies zu bewerten – festzuhalten ist aber das ohnehin Bekannte: Sie macht für so manchen von uns Dinge unbegreiflich oder zeigt sich in anderen Ländern von einer Seite, bei der uns Deutschen vielleicht erst einmal komisch zumute ist. Im Falle der von uns besuchten Zeremonie ist jedoch meist das Gegenteil der Fall. Meistens. Fangen wir aber ganz von vorn an. Eine Zeremonie dieser Art hat fast jeden von uns interessiert, denn das ist das wahre Bali und ist unvergleichbar mit einem Besuch von Tempel und Co. So standen wir also an unserem gewohnten Startpunkt für Exkursionen, ein Busbahnhof in Kuta, und warteten auf die Abreise zur Zeremonie. Was die Uni jedoch nicht für möglich hielt: Nahezu jeder Student aus unserem Programm war dabei. Doch aus der dünnen Besucherzahl anderer Exkursionen resultierte nur, dass nicht genügend Busse vorhanden waren. Die Uni hatte mit diesem Aufkommen nicht gerechnet und hätte nur einen Bruchteil von uns mitnehmen können. Aber der Balinese an sich ist ja, wie im vorherigen Beitrag beschrieben, flexibel und findet für alles eine Lösung und so wurden dementsprechend Busse und Autos organisiert, um uns alle unterzubringen.

Der obligatorische Tempel darf nicht fehlen

Mit einer Stunde Verzögerung kamen wir dann am Ziel an. Mit dem Ergebnis: „Zeremonie verpasst. Schauen wir uns doch ein Tempelmuseum an.“ Entrüstung, Ärger und Frust sind wohl die Worte, die diese Situation am besten beschreiben. Doch ist am Ende – und was leider so häufig ein Problem darstellt – nur die Kommunikation mal wieder schiefgelaufen. Zwar haben wir die erste Zeremonie verpasst, jedoch sollte wenig später schon die nächste stattfinden. Das Museum war also nur eine kurze Zwischenstation, die aber dank eines Fotoshootings für ein balinesisches Brautpaar doch auch etwas Interessantes zu bieten hatte. Dann ging es endlich los. Kleiderordnung: dunkles Oberteil und Sarong. Für diejenigen, die es nicht wissen: Der Sarong, ein großes individuell einsetzbares Tuch, dient dem Verdecken von Haut bei Zeremonien und in Tempeln, insbesondere von den Knien aufwärts. Das hat den Grund, dass nackte Haut während einer Zeremonie nicht vom Wesentlichen ablenken soll und alle Konzentration auf die Zeremonie gerichtet ist. Fertig eingehüllt erreichten wir dann nach kurzem Fußweg den Beginn Zeremonie – eine Art Straßenumzug mit vielen, vielen Menschen.

Bunt, fröhlich, ungewohnt

Viele von uns hatten bereits gehört, dass es bei einer Beerdigung bzw. Einäscherung hierzulande anders zugeht. Und das ist auch das, was uns sofort in seinen Bann zog. Statt der üblichen Stille, Trauer und der Frage, wie man sich am besten verhält, findet man hier vor allem eins: buntes Treiben, lockere, fröhliche Stimmung und sehr viele Menschen, alle traditionell gekleidet. Die Zeremonie begann für uns auf der Straße. Ein riesengroßer Schrein in allen Farben des Regenbogens und bestimmt 4 Meter hoch war bunt geschmückt und trug ein Bild des Toten, in diesem Fall eine Frau, die 105 Jahre alt wurde. Wir kamen genau rechtzeitig an, genau in dem Moment, wo der Sarg – eine ziemlich einfache, weiße Holzkiste, eingehüllt in ein Tuch, auf den riesigen Schrein gehievt wurde. Der Schrein wiederum befand sich auf einer großen Tragekonstruktion aus Bambus. Drum herum zig Männer, die bereitstanden, um das Gebilde auf einen fahrbaren Untersatz zu stemmen. Vom Schrein weg, in Richtung des „Umzuges“ fand sich ein langes, weißes Tuch, ähnlich wie ein langer Brautschleier. Diesen trugen die Frauen, welche zudem noch jede Menge Opfergaben dabei hatten. Den Anfang des Umzuges bildete, vergleichbar mit einem Spielmannszug, eine Gruppe Männer, die in fröhlichem Gamelan die Stimmung umso mehr lockerte. Ein Bild, welches sich jedweder Vorstellung einer zum Beispiel deutschen bzw. christlichen Beerdigung entzieht. Und der Kloß im Hals, den man nur beim Gedanken an eine solche hat – nicht vorhanden. Neugierde und Erstaunen ist es, was uns in dem Moment alle bewegte.

Ein Umzug der fröhlicheren Art

Nachdem der Sarg im Schrein und dieser wiederum auf der Fahrkonstruktion positioniert war setzte sich der Zug in Bewegung – der schreckliche balinesische Verkehr hingegen stoppte bzw. wurde umgeleitet, so dass sich eine ungewohnte Ruhe ergab. Bis auf die typische Gamelan Musik und das Schnattern und Unterhalten der Beteiligten war nichts zu hören. So ging es also in Richtung der Verbrennungsstätte – anbei ein kleines Video, wie das Ganze wirklich aussah (sorry für die Qualität, mir ging es im Wesentlichen darum, das Ganze irgendwie festzuhalten). Kurz vorm Ziel kam der Umzug an einer Kreuzung an – und natürlich gab es auch hier noch eine Besonderheit. Statt einfach um die Ecke zu fahren, stoppte alles und der Wagen samt Schrein und Sarg wurde von den Männern mit fröhlichen Rufen auf der Kreuzung mehrere Runden im Kreis gefahren und dies ziemlich schnell. Auf Nachfrage bekam ich raus, dass dies, wie so vieles, dem Austreiben vom Bösen dient und hatte zudem den Sinn, dass die Seele des Toten den Weg nicht zurückfindet. Kurz danach ging es weiter und wir erreichten bald den Ort der Verbrennung.

„Offen“ mit dem Tod umgehen

Hier angekommen, wurde der Sarg vom Schrein genommen und auf den Schultern zur Verbrennungsstätte getragen. Anders als bei uns: Alles im Freien. Eine Konstruktion aus frischem Bambus wartete auf die Tote. Auch hier drehten die Männer, die den Sarg trugen, mehrere fröhliche Runden bis – und dies ist wohl der nächste große Unterschied zu unserer Art von Trauerfeier – der Sarg geöffnet wurde und die Leiche im Leichentuch in die Bambuskonstruktion gelegt wurde. Scheu und wahrscheinlich auch etwas verdutzt standen wir am Rand und beobachteten das Ganze. Bis uns ein freundlicher Balinese bat, doch einfach näher zu kommen, die Kamera einer Kommilitonin nahm und anfing Fotos zu machen. Also bin ich hinterher und statt inmitten vieler Balinesen am Grab. Wie zu erwarten: Das war natürlich noch nicht alles. Denn jetzt wurde die Tote aus dem Tuch befreit, zumindest Kopf und Oberkörper und der nächste Teil der Zeremonie begann.

Die letzte Ehre erweisen

Nun hatte ich also freien Blick auf die Tote, zunächst mit etwas Unbehagen, da ich zuvor noch nie so etwas gesehen hatte. Aber irgendwie, inmitten all dieser Menschen, für die das alles ganz natürlich war, konnte ich mich doch relativ schnell fangen und den Prozess in Ruhe beobachten. Ein älterer Mann, vielleicht der Dorfälteste, vielleicht aber auch ein Verwandter der Toten, fing an die von den Menschen ans Grab gebrachten Opfergaben ins Grab zu legen. Vor allem Blumen, die aus einem kleinen Schälchen mit einer Flüssigkeit kamen, welche er der Toten vor dem Bestreuen mit den Blumen immer in den Mund bzw. ins Gesicht oder über den Oberkörper goss. Dies passierte eine ganze Weile, mit einer ganzen Menge an Opfergaben bis die Leiche schlussendlich kaum noch zu sehen war. Nur ihre friedlichen, bereits vom Tod gekennzeichneten Hände, waren noch zu sehen. Ein Ring mit einem roten Stein an der linken Hand. Irgendwie friedlich eben – und so gar nicht schlimm. Ein Moment, in dem man merkt, wie endlich alles ist und wie es einem ab und zu passiert: das Stellen der Frage nach dem Sinn des Lebens. Ich weiß, es klingt säuselig und emotional, aber für mich war dieser Tag wirklich eine Erfahrung. Mit der Bitte das Grab nun zu verlassen, wurde ich dann auch aus diesen Gedanken gerissen – jetzt sollte die Verbrennung starten.

Sehen und begreifen

Was als nächstes folgte, war für viele denke ich das schlimmste bzw. unglaublichste. Zwei große Flaschen Gas und ein überdimensionierter Bunsenbrenner sollten die friedliche Frau in Brand setzen. Komische Vorstellung – umso komischeres Bild für uns alle. Zwei Männer nahmen sich der Sache an und zündeten das Feuer unten in der Bambuskonstruktion an. Die Frau lag in dieser wie ein Bett aussehenden Konstruktion und bevor die Verbrennung losging, wurden Metallstäbe als eine Art „Rost“ unter sie geschoben. Und dies ist wahrscheinlich wirklich der unheimlichste Part: Nachdem das Feuer angezündet war, lag die Frau nun also wie auf einem Grill. Nach und nach wurden dann die Stäbe herausgezogen und unten, dort wo der Bunsenbrenner positioniert war, hatte man fast freien Blick auf den Kopf, der in Flammen stand und, ja, herunterhing. Mit ziemlich viel Gewalt kämpfte sich das Feuer also durch die Tote und bald war auch die Wirbelsäule zu erkennen. Ich weiß, das ist alles sehr detailreich und klingt makaber, aber irgendwie war es das nicht. Im Gegenteil – irgendwie war es natürlich, zumal neben der Brandstätte die Familie der Toten zu essen begann. Für uns war es eine wahnsinnige Erfahrung, auch zu sehen, dass es einiges an Kraft und Zeit braucht, bis ein Körper nur noch Asche ist. Diese wird am Ende der Zeremonie übrigens zum Meer gebracht und verstreut – diesen Teil haben wir allerdings nicht mehr mit angeschaut.

Eine Erfahrung, die viel wert ist

Um zu einem Ende zu kommen – für mich war dieser Tag jede Minute wert und ich bin froh, dass wir die Möglichkeit hatten, einer solchen Zeremonie beizuwohnen. Es war eine sehr wertvolle Erfahrung, einmal zu sehen, wie andere Kulturen oder Religionen mit dem Tod umgehen. Dennoch möchte ich betonen, dass es sicher um keine „Spaßveranstaltung“ für einen Balinesen handelt. Nach einem Gespräch mit einem Einheimischen, den wir gestern auf einer Tour in den Norden Balis (dazu bald ein neuer Beitrag) Löcher in den Bauch fragten, brachten wir in Erfahrung, dass der Tod eines Menschen hier genauso betrauert wird wie bei uns. Die engsten Familienmitglieder haben genauso mit der Leere, die ein Mensch, der stirbt, hinterlässt, zu kämpfen. Doch ist erstens bis zu dieser Zeremonie meist bereits eine Woche ins Land gegangen und zweitens ist die Art der Zeremonie auch der Grund, wieso alles so fröhlich erscheint: Insbesondere die Männer, die den Schrein auf die Fahrkonstruktion hieven und am Ende eben fortbewegen brauchen viel Kraft, sie können in diesem Moment auch einfach aus dem Grund des körperlichen Aktes keine Schwäche zeigen und „pushen“ sich sozusagen. Zumal heißt der Tod hier auch der Beginn von etwas Neuem, die Wiedergeburt. Ein letzter Fakt: Eine solche Beerdigung kostet die Balinesen ein Vermögen – zwischen 25 und 50 Millionen Rupien (also zwischen 2000 und 5000 Euro). Zum Vergleich: Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt eine Million. Für eine solche Zeremonie wird also lange im Voraus gespart – und so möchten alle dem Toten den letzten Weg so schön und fröhlich wie möglich gestalten.