Wo Sonne ist, ist auch Schatten…


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… aber ohne Schatten wäre ja auch nur Sonnenbrand. Will heißen: Ich bin angekommen. Wirklich. In Uni, Land und Kultur. Nach meinem ersten Beitrag rund um den Start auf Bali mit all seinen hübschen Schwierigkeiten vom Verkehr über leichte Magenbeschwerden bis hin zur Orientierungslosigkeit und natürlich auch mit all den schönen Facetten von der Landschaft über die Leute bis hin zu den schönen Stränden ist es nun Zeit, aus der Sicht eines hier Lebenden zu schreiben. Nicht aus der Sicht eines von Stränden Geblendeten oder Orientierungslosigkeit Geplagten – sondern von jemandem, der hier lebt. Übertreiben will ich da natürlich auch nicht und schon gar nicht überheblich sein. 2 Monate sind nichts im Vergleich zu all denen, die eine tatsächliche Auswanderung auf diese Insel gewagt haben. Dennoch: Mitreden können wir so langsam. Und deshalb wird dieser Beitrag auch einmal die andere Seite beleuchten – denn wo Sonne ist, ist auch Schatten.

Alltag ist überall

Ein ist sicher: Egal ob im Paradies mit Stränden, Palmen und Pool vor der Tür oder im grauen Plattenbau – dem Alltag entkommt keiner so schnell. Und das ist auch hier der Fall. Denn, auch wenn man es kaum glauben mag: wir sind nicht nur zum Spaß hier. Fangen wir also mal mit den üblichen Leiden eines jeden Studenten an. Ob in Deutschland oder hier, früh aufstehen ist überall auf der Welt hin und wieder vonnöten. Was hier hilft, ist sicherlich, dass einen fast jeden Morgen ein blauer Himmel und eine freundlich strahlende Sonne dazu bewegen, doch ganz gerne aufzustehen. Und aufgrund einer sehr kurzfristigen Änderung kurz vor Beginn des Semesters (wie so häufig im Organisations-Chaos unserer Uni), ist dies auch gar nicht allzu früh. Kurz vor sieben klingelt der Wecker. In meinem Fall fällt das Frühstück aus – trotz Frühstücks-Muss in Deutschland. Doch wer einmal selbst eingekauft und gesehen hat, wie viel günstiger es ist, z.B. in einem Warung zu essen, der betritt die eigene Küche nur noch sehr selten. So ist das in meinem Fall zumindest. Kochen werde ich hier vermutlich verlernen! Zurück zum Alltag: Nach dem Aufstehen geht es also in die Uni. Und hier haben wir den ersten Haken dieser Insel (zumindest den des Südens) – der Verkehr wird nämlich einfach nicht besser.

Der tägliche Wahnsinn auf dem Roller

Trotz Sonne und einem wirklich leichten Start in den Tag verbringt man ihn dennoch zunächst auf der Hauptschlagader des Süden Balis: Die Sunset Road. Eine zweispurige Art von Schnellstraße auf der sich gefühlt ganz Bali bewegt. Wie schon in meinem ersten Beitrag beschrieben – man schwimmt in einem Meer von Rollern und Smog-produzierender Monster und dicken Familienautos so dahin. Manchmal hat es etwas Beruhigendes. Meistens nervt es. Kommt man gut durch, hat man den Campus Jimbaran in zwanzig Minuten erreicht. Auf dem Heimweg können es dank Feierabendverkehrs (wenn der nicht sowieso zwölf Stunden am Tag so genannt werden kann) auch mal 50 Minuten werden. Wenn man an einer der ca. zehn Ampeln in der sengenden Hitze im Smog steht, so dass man am Ende des Tages statt eines weißen ein braunes T-Shirt hat – dann darf man sagen, dass es schönere Straßen gibt. Von all den Unfällen ganz zu schweigen. Doch man kommt nicht um diese Straße herum und wenn man zur Uni fährt, bleibt einem nichts anderes übrig als es in Kauf zu nehmen. Dennoch: Irgendwie gehört es dazu und so manches Mal huscht einem ein Grinsen über das Gesicht, wenn man realisiert, was man da gerade tut. Wie ein Wahnsinniger durch ebendiesen Wahnsinn zu fahren – im Hinterkopf ein Leben auf dieser genialen Insel.



Cheapest price! Fastest boat! Best quality! Bleiben wir aber noch mal kurz bei den Schattenseiten, denn ich will ja nicht nur Blümchen reden, sondern ehrlich über meine Zeit hier berichten. Es ist zwar müßig darüber zu schreiben und gehört ebenso wie der Verkehr zum Leben hier dazu, dennoch gibt es noch etwas, was einem nach zwei Monaten einfach schlichtweg auf den Zeiger geht: Das Gefühl, als wäre man als westlicher Mensch ein leibgewordener Geldkoffer. Das fängt beim Taxifahren an und hört beim Einkaufen auf dem Markt, bei Freizeitaktivitäten und insbesondere bei Polizeikontrollen nicht auf. Spielen wir das doch kurz durch: Du fährst in perfektem Tempo geradeaus. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Doch eins stimmt nicht: Deine weißen Beine schauen aus der kurzen Hose. Du bist auch nicht durch und durch in grau, braun und schwarz gekleidet und hast erst recht keine Daunenjacke, Handschuhe und lange Hosen an und trägst dazu keine pinken Strümpfe. Nein! Du bist Tourist – oder eben Student. Ganz egal. Du bist kein Local. Du bist ein Geldautomat auf Rädern. Der Rest ist schnell erklärt: Du wirst angehalten, irgendeinen Grund finden Sie – drohen dir mit einem offiziellen Ticket bis du klein bei gibst und dem Polizisten direkt deine Scheinchen gibst – „for the governmoment“ – sicher! Meistens endet es aber doch ganz nett, denn Sie wissen ganz genau, dass wir wissen, wann wir veräppelt werden. Und dann kann auch mal ein nettes Pläuschchen entstehen.Um das Ganze aber noch mal auf den Punkt zu bringen: Du bist und bleibst Tourist – egal wann und wo. Taxifahrer verzehnfachen den Preis, man verbringt viel Zeit mit Handeln. Tankstellenwarte runden um Tausende auf oder stellen die Anzeige des vorher Tankenden nicht auf Null. In den typisch Straßenshops werden gefälschte Uhren für Preise von Originalen angeboten – und wenn man zu tief anfängt zu handeln, wird man mit Entrüstung gestraft und allein gelassen. Und all dies alltäglich. Das ist ein Unterschied zum zweiwöchigen Urlaub – ein Unterschied, wenn man Preise, Entfernungen und eben die Wahrheit kennt. Doch überall wird ein Geschäft gewittert – und das Portmonee des Europäers.

Am Ende siegt das Lächeln

Um jedoch zu einem Ende über die Schattenseiten, die eigentlich keine sind, zu kommen: Auch, wenn das ständige Drängen in die Touristen-Opferrolle nervt und dies eben besonders, wenn man kein Tourist mehr ist, sondern hier lebt und – um wieder zurückzukommen – seinen Alltag hat: Am Ende weiß man zwei Dinge: Wie wenig Geld die Menschen hier verdienen und deshalb ist durchaus Verständnis vorhanden, von uns allen und dies immer wieder. Auch, wenn einem zum zehnten Mal innerhalb einer Stunde Pfeil und Bogen, Ananas, Armbänder oder „Magic Boxes“ und holzgeschnitzte Komodo Dragons am Strand angeboten werden. Und erst recht, wenn man als Europäer vergleichsweise schlichtweg stinkreich ist, selbst als Student. Der zweite Punkt ist einfach: Am Ende siegt das Lächeln. Vielleicht nicht über das Portmonee, aber über den Groll, den man im Moment einer Touristenfallen-Attacke immer wieder verspürt. Aber ob es nun die Verkäufer sind oder einfach nur Menschen, die einem auf dem Roller entgegenkommen oder zusammengepfercht auf der Ladefläche von einem Laster sitzen – mir wurden in meinem Leben noch nicht so viele Lächeln geschenkt wie hier. Und so ein Lächeln kann einem den ganzen Tag retten, egal was war.

Am Ende ist alles gut

Schlussendlich, wenn einen ebenso wie in Deutschland oder in jedem anderen Land auch hier der Alltag einholt, von Verkehr über Touristen-Verarsche bis hin zu ganz normalem Uni-Dingen wie Hausarbeiten und Klausuren: Am Ende überwiegen die guten Dinge. Dies sage ich nicht, um diesem Beitrag den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern vielmehr aus der Tatsache heraus, dass es so ist. Es ist eben etwas anderes, nach Indonesien zu gehen, als in die USA, Irland oder ein anderes westliches Land. Es ist eine Herausforderung, die wir jeden Tag wieder aufs Neue annehmen – mit seinen Sonnen- und Schattenseiten.



Nothing is impossible

Um das ganze jetzt einmal umzudrehen, muss man sich auch die andere Seite anschauen, denn wo Preise nach oben hin so flexibel wie Gummi sind, sind sie es natürlich auch nach unten. Die besten Säfte der Welt für unter einem Euro, ein ganzes Festmahl für weniger als fünf Euro, Surfbrett leihen für vier Euro, volltanken für achtzig Cent. Die Liste ist lang. Und mal ganz abgesehen vom Handeln, zu hohen oder eben auch paradiesisch niedrigen Preisen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Nichts! Die Menschen hier machen alles möglich. (Und wenn es doch unmöglich erscheint, dann gibt es ja noch Plastik). Sei es der kleine Junge, der durchs Fenster krabbeln würde, um das von innen verschlossene Bad wieder aufzuschließen, der Bootsmann der während der Fahrt das Boot flickt oder der Schnorchel-Verleiher, der auch Fahrräder und Zimmer vermietet und ganz nebenbei noch ein paar Lebensweisheiten in Petto hat. Wir sind im Service-Paradies – wenn auch bei den Rekordhaltern für den langsamsten Service (oder aber bei denen, die „too lazy for cleaning up today“ sind). Aber wie oft hat man es schon, dass nach einem kurzen Anruf drei Roller für den Besuch von zu Hause vor der Tür stehen, abends um halb zwölf frisch gewaschene Wäsche (inklusive gebügelter Unterhosen) vorbeigebracht werden und im Zweifelsfall immer der Bekannte, dessen Bruder eine Freundin hat, deren Schwager jemanden kennt, der ein x-beliebiges Problem lösen kann? Und: Man hat immer das Gefühl, die Leute machen es gerne. Trotzdem es mit viel harter Arbeit hinter all diesem Service zu tun hat, der für uns so günstig ist. Betrachtet man zum Beispiel einmal die Menschen mit den typischen Hüten in den Reisfeldern, dann weiß man, was hinter dem Reis steckt, den man hier fast täglich verspeist. Und genau das ist das „Learning“, was man aus diesem Aufenthalt ziehen kann: Zu schätzen wissen, was man hat, zu schätzen lernen, was andere für einen tun und am Ende vielleicht realisieren, dass es auch in unserer europäischen Konsum-Mühle Wichtigeres gibt als Geld, beruflicher Erfolg und das reine Funktionieren.