Dem Festland so nah

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Eine Woche vor meiner Abreise bekam ich von einer Freundin das Angebot ein Wochenende als Englischlehrer für die Ming Chuan Universität zu arbeiten. Dies sei zwar unentgeltlich, dafür würde mir aber die Anreise, die Unterkunft und die Verpflegung bezahlt. Ich nahm das Angebot dankend an.

Das Englisch-Camp der Ming Chuan Universität fand auf der Insel Kinmen statt, diese liegt unmittelbar vor der Küste der Volksrepubik China. Kinmen, übersetzt „das goldene Tor“, hatte in der Geschichte der Republik China schon immer eine wichtige Bedeutung. Nach der Flucht der Kuomintang-Partei vom Festland war diese ein strategisch wichtiger Stützpunkt und wurde Schauplatz zahlreicher militärischer Auseinandersetzungen zwischen Taiwan und der Volksrepublik. Noch heute sieht man Überbleibsel einer turbulenten Zeit. Dazu später mehr.

Sightseeing

Am lokalen Songshan Airport in Taipei trafen wir uns mit den zuständigen Professoren und drei anderen Englischlehrern und flogen gemeinsam nach Kinmen. Wir wurden in dem sehr modernen Campuswohnheim der Ming Chuan Universität untergebracht. Die Universität unterhält Campi an drei Orten in Taiwan, Taipei, Taoyuen und Kinmen. Wobei letzterer mit rund 100 Studenten der kleinste ist.

Nach einem kurzen Mittagessen wurden wir sogleich zu einer kleinen Sighseeing-Rundfahrt eingeladen. Zuerst endeckten wir die vielen und auf der ganzen Insel verstreuten Statuen der „Wind-Löwen-Götter“. Diese sind für die Inselbewohner sehr wichtig, denn sie sollen die starken Winde, die die Insel des Öfteren heimsuchen, besänftigen. Zudem fiel uns auf, dass überall auf der Insel hirsenähnliche Grüngräser angebaut werden. Diese stellten sich nach kurzer Nachfrage als Mohrenhirse heraus. Diese wird erst fermentiert und dann wird daraus ein landestypischer hochprozentiger klarer Schnaps gebrannt: Kaoliang.

Relikte der Vergangenheit

Ein weiteres Highlight sind die verlassenen Bunkeranlagen, die aus der Zeit der bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Volksrepublik stammen. Kilometerlange, unterirdische Tunnel schützten damals die Soldaten vor den Bombenangriffen der Kommunisten. Wir besichtigten einen Bunker, der sich an der nordwestlichen Seite der Insel befindet, die dem Festland-China zugewandt ist. Nur ein zwei Kilometer langer Meeresabschnitt trennt hier die beiden Länder und man kann auf das Festland blicken.
Zum Abschluss unserer Sightseeing-Tour wurden wir in ein Restaurant eingeladen in dem wir die typisch lokalen Speisen probieren konnten. Diese wurden allesamt aus Teilen eines Rinds zubereitet. Bei einigen konnte man nicht wirklich erkennen aus welchen (verschiedene Innereien, Magen, Hoden etc.). Dennoch wollte man nicht unhöflich sein und probierte von allem ein wenig. Nach einem kleinen Kaoliang zur Verdauung endete der Abend relativ früh, denn am nächsten Tag sollte das English-Camp stattfinden.

Englisch-Camp

Das Camp am Sonntag sollte den Studenten auf der Insel spielerisch die wesentlichsten Grundbegriffe auf Englisch lehren. Wir waren vier Lehrer mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Reisen, Krankenhaus, Sport, Musik), um den Studierenden die wichtigsten Vokabeln des Alltags beizubringen. In kleinen Gruppen, ca. 10-15 Studenten, absolvierten diese die vier Stationen und hatten in allen sehr viel Spaß und zeigten großes Interesse, sodass auch ein starker Lerneffekt erzielt wurde. Natürlich trug auch die Tatsache, dass der Besuch von vier westlichen „wai gou ren“ etwas Besonderes darstellte zur Begeisterung der Studenten bei, denn auf der Insel sind sie sehr abgeschieden. Es gibt neben kleinen Dorfsiedlungen so gut wie nichts auf der Insel, was Studenten in diesem Alter Spaß macht. Nicht einmal eine der in Taiwan sehr verbreiteten 7eleven-Filialen war in der Nähe des Campus. Das Camp endete am Abend mit einer großen Abschlusszeremonie, in der die besten Studenten für ihre Leistungen ausgezeichnet wurden. Nach einem kurzen Xiūxí (chinesisch für Ruhezeit) verabredeten wir uns mit den Professoren zu einem letzten gemeinsamen Abendessen. Nachdem wir am Tag zuvor der fleischlichen Lust (es gab so ziemlich alles vom Rind) gefrönt hatten, luden uns die Professoren in ein „All Fruit“ Restaurant ein. Hier bestand unser Abendessen ausschließlich aus verschiedenen Früchten (u.a. Birnensuppe, gefüllte Ananas etc.). Nach ein paar gemeinsamen Píjiǔ (Bier) und verschiedenen Sorten Kaoliang fuhren wir zurück zum Campus.

Denn am Montagmorgen flogen wir schon wieder zurück nach Taipei und so langsam schlich sich bei mir ein wenig der Wehmut ein, denn nun brach meine letzte Woche am Goethe-Institut und in Taipei an.